11. Minisymposium des Zentrums für Umweltgeschichte

Erfahrungen, Konzepte und neue Strategien der Viehseuchenbekämpfung im 18. Jahrhundert: Zur Umweltgeschichte der Rinderpest in Nordeuropa

Dominik Hünniger, Kai F. Hünemörder
Graduiertenkolleg Interdisziplinäre Umweltgeschichte, Universität Göttingen

Tierseuchen stellten im 18. Jahrhundert eine ernst zu nehmende Bedrohung für Gesellschaft und Wirtschaft in ganz Europa dar. In immer wiederkehrenden Zügen nahmen sie Einfluss auf Landwirtschaft, Handel und gesellschaftliches Leben der betroffenen Gebiete. Die enormen Viehverluste hatten nicht nur Auswirkungen auf die Milch- und Fleischversorgung, sondern auch auf die Düngerbilanz ganzer Regionen. Die Bekämpfung von Viehseuchen zählte somit in der Frühen Neuzeit zu den zentralen Anliegen agrarisch strukturierter Gesellschaften. Umso erstaunlicher ist es, dass die Beschäftigung mit der Geschichte der Viehseuchen und ihrer Eindämmungsversuche bisher ein Desiderat geblieben ist. Innerhalb des DFG-Graduiertenkollegs "Interdisziplinäre Umweltgeschichte" an der Georg-August-Universität Göttingen beschäftigen sich ein Dissertations- und ein Postdoc-Projekt mit Aspekten der Viehseuchenbekämpfung im 18. Jahrhundert.


Im Rahmen des ZUG-Minisymposium soll der Rinderpest als ökonomisch und gesellschaftlich bedeutendster Haustierseuche nachgegangen werden. Im Mittelpunkt der Präsentation von Dominik Hünniger steht zunächst die Erfahrungsgeschichte einer konkreten Region mit den Viehseuchen und deren Bekämpfung. Anhand der Herzogtümer Schleswig und Holstein werden erste Ergebnisse des Dissertationsprojektes zum Mensch-Umwelt-Verhältnis präsentiert und zur Diskussion gestellt. Dabei wird es weniger um den anthropogenen Einfluss auf die Umwelt gehen als vielmehr um die Wirkung von "Natur" auf Gesellschaft und Wirtschaft, genauer: um die Frage, wie "natürliche" Phänomene (wie das Seuchengeschehen) der Ressourcennutzung und dem täglichen Umgang mit der Umwelt Grenzen setzten. Fragen nach dem Krisenbewältigungsverhalten der betroffenen Bevölkerung und dem Handeln einzelner Akteursgruppen in Hinblick auf Ökonomie, Herrschaft und Umwelt stehen dabei im Mittelpunkt. Wie etwa wurden die obrigkeitlichen Seuchenschutzverordnungen umgesetzt bzw. ausgehandelt? Wie interagierten Einwohner, örtliche Verwaltungsinstanzen und die überregionale Regierung im Angesicht von Viehverlusten, die innerhalb weniger Jahre in die Hunderttausende gingen?


Im zweiten Teil der Präsentation wird Kai Hünemörder zwei besondere Eindämmungsstrategien erläutern, die sich im Verlauf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Nordeuropa herauskristallisierten und neue Perspektiven eröffneten. Im intensiven Austausch der Landesadministrationen mit den (häufig humanmedizinisch vorgebildeten) "Experten" gewann mit der Inoculation in den 1760er Jahren zunächst eine medizinisch geprägte Strategie an Bedeutung. In vielen stark betroffenen Gebieten wurden mit obrigkeitlicher Unterstützung umfangreiche Impfversuche durchgeführt. Zeitgleich wuchs die Offenheit in den vom Kameralismus geprägten Kreisen für verschiedene Modelle von Viehversicherungen. Diese volkswirtschaftliche Strategie zielte darauf ab, den Bauern nach Verlusten von zum Teil über 90% ihrer Rinder den Wiederaufbau der notwendigen Viehbestände zu erleichtern. Das Phänomen der Seuchenabwehr verweist damit auf allgemeine Tendenzen der Auseinandersetzungen frühneuzeitlicher Territorien mit den prekären Naturverhältnissen.


Ort: IFF, Schottenfeldgasse 29, 1070 Wien, Seminarraum, 4c, 4. Stock 
Zeit: Donnerstag, 27. April 2006, 18:00 - 20:00