12. Minisymposium des Zentrums für Umweltgeschichte

Umweltgeschichte im Dialog: Interaktionen von Kultur und Umwelt aus kultur- und sozialanthropologischer Sicht

Andre Gingrich
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien

Der Vortrag verbindet die Diskussion eines ethnografischen Beispiels mit theoretischen Überlegungen zu Interaktionen von Kultur und "Natur".

Das ethnografische Beispiel erörtert drei Muster von umwelt-relevanten Praktiken bei den nördlichen Khawlan im saudisch-jemenitischen Grenzgebiet. In diesen bergbäuerlichen Gemeinden (1.600 - 2.300 m.ü.M.) wird Regenfeldbau auf schmalen Terrassentreppen für den Eigenbedarf (v. a. Getreide) und für den Marktverkauf (Kaffee, Qat) betrieben, ergänzt um Sammel-Tätigkeiten (Holz, Kräuter), Weide-Viehzucht (Zeburinder, Kleinvieh) und Imkerei. Die Khawlan sind als Föderation von bewaffneten Stämmen (qaba'il) organisiert. 
Die drei diskutierten Muster umweltrelevanter Praktiken bei den Khawlan sind a. die Beobachtung eines örtlichen, mündlich tradierten Sternenkalenders für die Abfolge der agrarischen Tätigkeiten; b. die tabuisierte Meidung bestimmter Zonen als Schutz vor bösen DämonInnen; c. das demütige Hegen und Pflegen der "wilden" Fauna und Flora am Berggipfel als Sphäre göttlicher Gnade.

Aus dieser Fallstudie werden methodische und theoretische Schlussfolgerungen abgeleitet. Methodisch können (und müssen, angesichts des Mangels an archäologischen Daten) aus dem ethnografischen Präsens heraus umwelt- und agrargeschichtliche Hypothesen abgeleitet werden. Diese erfordern ihrerseits eine Verfeinerung der vorhandenen theoretischen Instrumentarien: Den Möglichkeiten und Grenzen, welche für örtliche Kulturen seitens der Umwelt gesetzt werden, stehen seitens des Kulturellen auch interaktive und veränderliche, aber ebenso stimulierende wie auch Grenzen setzende Prämissen gegenüber. 
Ohne ein Verständnis dieser höchsten Werte vor Ort ist "Umweltgeschichte" also nicht zu erschließen. Die Rekonstruktion solcher lokaler kulturell bedingter Werte und Praktiken, aus deren Logik heraus eigene Wirkungen auf die Umwelt erschließbar sind, ist daher auch eine Aufgabe der Umweltgeschichte.

Ort: IFF, Schottenfeldgasse 29, Seminarraum 3, 3. Stock
Time: Dienstag, 30. Mai 2006, 18:00 - 20:00